Wie untersucht man ein Bauwerk, ohne seine Substanz unnötig zu beschädigen?


Bevor ein bestehendes Bauwerk beurteilt, instandgesetzt oder verändert werden kann,
muss sein tatsächlicher Zustand möglichst genau bekannt sein.
Was von außen sichtbar ist, reicht dafür häufig nicht aus.
Hier müssen tiefergehende Untersuchungen durchgeführt werden,
um u.a. folgende Punkte zu klären.
Wo liegt die Bewehrung?
Gibt es verdeckte Einbauteile?
Wie dick ist ein Bauteil und welcher Aufbau liegt vor?
Sind Hohlstellen, Ablösungen oder Verdichtungsmängel vorhanden?
Ist die Bewehrung bereits aktiv korrodiert?
Und sind Spannglieder vollständig verpresst?
Zerstörungsfreie Prüfverfahren, kurz ZfP, helfen dabei,
solche Fragen zu untersuchen, ohne großflächig in die Konstruktion einzugreifen.
Je nach Fragestellung kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz.
Potentialfeldmessungen können Bereiche mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit aktiver Bewehrungskorrosion lokalisieren.
Georadar und Bewehrungsscanner erfassen unter anderem Bewehrung, Einbauteile und Bauteilgeometrien.
Mit Ultraschallecho-Verfahren lassen sich Bauteildicken bestimmen sowie innere Fehlstellen,
Verdichtungsmängel oder Rissverläufe untersuchen.
IR-Thermografie kann Ablösungen und Hohlstellen in oberflächennahen oder mehrschichtigen Systemen sichtbar machen, sowie Heizleitungen auffinden.
Die Einsatzmöglichkeiten reichen dabei weit über eine klassische Zustandsuntersuchung hinaus.
Das Hochhaus in Moskau

Nach dem Teileinsturz eines im Bau befindlichen Hochhauses in Moskau
wurden die Decken im Bereich weiterer Stützen von der Ober- und Unterseite
mit Ultraschall untersucht.
Die Messungen zeigten zusätzliche Schubrisse, die äußerlich noch nicht erkennbar waren.
Daraufhin wurden die Arbeiten eingestellt und die Gebäude evakuiert.
Eine anschließende Nachrechnung ergab, dass die statisch erforderliche Schubbewehrung fehlte.
In der Folge wurden mehr als 1.000 Stützen verstärkt.
Die Goldachtalbrücke
An der Golddachtalbrücke wurde der Verpresszustand der Spannglieder im Auflagerbereich untersucht, um das Risiko von Spannstahlbrüchen erfassen zu können.



Der Münchner Altstadtringtunnel

Im Münchner Altstadtringtunnel mussten die Spannglieder mit Georadar und Ultraschall präzise eingemessen werden.
So konnten Bohrungen für neue Konstruktionselemente geplant werden, ohne die vorhandenen Spannglieder zu beschädigen.

Diese Beispiele zeigen:
ZfP kann Risiken sichtbar machen, Eingriffe gezielter vorbereiten und die Ausführung von Baumaßnahmen absichern.
Entscheidend bleibt die fachliche Einordnung.
Messdaten müssen mit dem konstruktiven Aufbau, den Materialeigenschaften, den vorhandenen Schäden
und den tatsächlichen Beanspruchungen zusammengeführt werden.
Erst daraus entsteht eine belastbare Grundlage für Entscheidungen.
Zerstörungsfreie Prüfung macht sichtbar, was im Inneren eines Bauwerks verborgen bleibt.
Und genau dieses Verständnis entscheidet darüber, wie sicher, gezielt und dauerhaft mit bestehender Substanz umgegangen werden kann.
