Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Denkwerkstatt – Zukunft erhalten“

Ein Bauwerk aus dem Jahr 1926, heute Teil des Kreativquartiers.
Ein klassischer Fall für die Instandsetzung im Bestand, mit den üblichen Schadensbildern:
Frost. Korrosion. Bombenschäden.
Und dann: gebrochene Bewehrungsstäbe. Ohne erkennbare Querschnittsminderung und ohne plastische Verformung.
Ein Schadensbild, das so nicht passieren sollte.

Der entscheidende Moment war die Erkenntnis, dass wir es hier nicht mit einem „klassischen“ Schaden zu tun haben,
sondern mit einem Mechanismus, der im Betonbau selten vorkommt: nitratinduzierte Spannungsrisskorrosion.
Die anschließenden Untersuchungen zeigten erhöhte Nitratgehalte in großen Teilen des Bauwerks.
Die wahrscheinlichste Ursache liegt in der Geschichte des Standorts, möglicherweise militärische Nutzung und Munitionsproduktion.
Das bedeutet: Der Schaden wurde nicht im Betrieb verursacht. Er war von Anfang an im Bauwerk angelegt und genau das hat massive Konsequenzen.
Der Bewehrungsstahl konnte für den Tragwerksnachweis nicht mehr zuverlässig angesetzt werden.
Die Tragfähigkeit war damit grundlegend infrage gestellt.
Die Lösung lag deshalb nicht in einer klassischen Instandsetzung, sondern in der Entwicklung einer neuen Tragstruktur,
bei gleichzeitig maximalem Erhalt der bestehenden Substanz.
Ein Projekt wie dieses entsteht nicht isoliert. Es ist das Ergebnis enger, vertrauensvoller Zusammenarbeit:
Bauherrin: Landeshauptstadt München, Hochbaureferat und Kulturreferat
Planer: Bez + Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart
Tragwerksplanung: Weischede, Herrmann und Partner GmbH, Stuttgart
Sachkundiger Planer Betoninstandsetzung: Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH
Die fachlichen Erkenntnisse aus diesem Projekt wurden von Christian Sodeikat, Eckhard Bunge
und Till Mayer im Rahmen der Veranstaltung „Denkwerkstatt – Zukunft erhalten“ vorgestellt – in Form eines Vortrags und einer Exkursion vor Ort.
Was man aus diesem Fall mitnehmen kann: Nicht jeder Schaden kündigt sich an.
Nicht jeder Mechanismus ist sichtbar und nicht jede Ursache liegt in der Nutzung eines Bauwerks.
Manchmal liegt sie Jahrzehnte zurück, weshalb jede belastbare Entscheidung mit einem echten Verständnis des Bauwerks,
seiner Materialien, seiner Mechanismen und seiner Geschichte beginnt .